German  |  English  

Die Berliner Galerien: Das größte Ausstellungshaus der Hauptstadt

 

Anfang April 2013 haben wir in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. (BVDG) eine Umfrage unter Galerist_Innen* in ganz Deutschland durchgeführt. Bereits in unserer Studie zur Gegenwartskunst in Berlin aus dem Jahr 2010, Studio Berlin, war eine Umfrage unter Berliner Galerien ein wesentlicher Baustein. So können wir einige aktuelle Ergebnisse mit unseren Daten aus dem Jahr 2010 vergleichen und Entwicklungen seit diesem Zeitpunkt aufzeigen. Eine Auswertung der gesamten Umfrage werden wir im Herbst 2013 als bundesweite Studie veröffentlichen.

 

Nach mehreren voneinander unabhängigen Quellen gehen wir davon aus, dass es etwa 400 Kunstgalerien in Berlin gibt. Die Bandbreite reicht von kleinen Räumen, die kaum Umsatz machen bis hin zu international renommierten Galerien, die deutlich mehr als eine Million Euro jährlichen Umsatz erwirtschaften. Es gibt mehr als 100 Galerien, die eine Sichtbarkeit im Kunstmarkt haben und wirtschaftlich aus eigenen Mitteln überlebensfähig sind. An unserer Umfrage haben etwa 70 Galerien teilgenommen. Das ergibt eine gute Rücklaufquote von mehr als 15 Prozent. Trotzdem betrachten wir die Ergebnisse als Stimmungsbild und bitten darum, sie so zu interpretieren. Insgesamt sind Galerien vielfältig und in ihrer Entwicklung volatil. Deshalb ist eine exakte Bestandsaufnahme weder möglich noch sinnvoll. Vielmehr soll es darum gehen, Einschätzungen vornehmen zu können und damit einen konstruktiven Diskussionsbeitrag zu liefern.

 

In Berlin stellen wir die Ergebnisse am 15. Mai um 19:00 Uhr in der Capitain Petzel Gallery in der Karl-Marx-Allee 45 vor und laden dazu alle Galeristen und Interessierte herzlich ein. Wir danken allen Galerien, die sich an der Umfrage beteiligt haben. Dank geht ebenfalls an unseren Kooperationspartner, den Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. (BVDG), sowie an den Landesverband Berliner Galeristen (LVBG), die zur  Teilnahme aufgerufen haben. Ein besonderer Dank geht an boesner Berlin und den Geschäftsführer Michael Harnacke für die Unterstützung unserer Berliner Untersuchung und die Ermöglichung der Diskussionsveranstaltung am 15. Mai.

 

Zeitgenössische Kunst auf großer Fläche

 

Berlin ist nicht nur Produktions-, sondern auch Präsentationsstandort von zeitgenössischer Kunst. 76 Prozent der befragten Berliner Galerien gaben an, ‚ausschließlich‘ Gegenwartskunst zu verkaufen, weitere 18 Prozent verkaufen ‚überwiegend‘ zeitgenössische Kunst. Durchschnittlich vertreten die Galerien 16 Künstler auf 160 m² Ausstellungsfläche pro Galerie. Alle Galerien in Berlin zusammen repräsentieren somit auf einer Gesamtfläche von mehr als 60.000 m² mehr als 6.000 Künstler. Die Schätzungen für das Jahr 2009 lagen noch bei 5.000 Künstler und 45.000 m² Gesamtfläche. Die Verteilung von „emerging artists“ und etablierten Künstlern liegt in Berlin bei ca. zwei Drittel zu ein Drittel (63 Prozent/ 37 Prozent). Damit vertreten Berliner Galeristen mehr junge und (noch) nicht etablierte Künstler als das im Bundesdurchschnitt der Fall ist. Des Weiteren fokussieren sich Berliner Galerien stärker als der Bundesdurchschnitt auf regionale Künstler und vertreten fast hälftig Künstler aus der Region (48 Prozent) und nicht-regionale Künstler (52 Prozent). Bundesweit liegt der Anteil regionaler Künstler niedriger (37 Prozent). Insgesamt realisierten Berliner Galerien im Jahr 2012 mit fast 3.000 Ausstellungen zwar ebenso viele Ausstellungen wie im Jahr 2009, dennoch auf deutlich größerer Fläche und mit mehr Künstlern. Hinzu kommt, dass die Gesamtzahl der Besucher leicht zugenommen hat: Errechneten wir 2009 etwa eine Million Besucher zu sämtlichen Anlässen in den Berliner Galerien (Vernissagen, Talks etc.), schätzen wir für das Jahr 2012 insgesamt 1.1 Millionen Besucher in Berlin. Das sind durchschnittlich 2.800 Besucher pro Galerie.

 

Bezüglich der Mitarbeiter haben wir für das Jahr 2009 lediglich eine allgemeine Zahl von etwa 1.000 Arbeitsplätzen in Berliner Galerien angegeben. Im Jahr 2012 haben die Berliner Kunstgalerien ebenfalls etwa 1.000 Arbeitsplätze gestellt. Davon sind etwa 55 Prozent Inhaber. Die andere Hälfte sind sozialversicherungspflichtig Angestellte. Hinzu kommen etwa 200 freie Mitarbeiter und mehr als 250 Praktikanten im gesamten Berliner Galerienbetrieb. Die Zahlen zu den Arbeitsplätzen beziehen sich jeweils auf so genannte Vollzeitäquivalente. Die Mehrheit der Berliner Galerien ist als Einzelunternehmen organisiert (47 Prozent), ein weiteres Viertel (27 Prozent) sind Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR). 17 Prozent der Berliner Galerien sind GmbHs.

 

Die Kunden kommen selten aus der Region

 

85 Prozent geben Berlin als einzigen Standort ihrer Galerie an, die übrigen 15 Prozent besitzen mindestens zwei Standorte oder mehr (in Deutschland oder dem Ausland). Den Hauptumsatz erzielen Berliner Galerien durch Verkäufe an private Sammler und Kunden, mit denen schon seit über fünf Jahren Geschäftsbeziehungen bestehen. Bei diesen Antworten waren Mehrfachnennungen möglich, so dass es Überschneidungen in den Antworten gibt.

 

 

 

22 Prozent der Berliner Galerien geben an, dass Verkäufe an Sammler aus der Region den größten Beitrag zu ihrem Umsatz ausmachen. 51 Prozent der Galerien erzielen den größten Umsatzanteil mit Verkäufen an Sammlern aus anderen Teilen Deutschlands (51 Prozent). Da die regionale Nachfrage aus Berlin von den Galeristen allgemein als relativ gering eingeschätzt wird, ist das Thema der Messen vor Ort sowie Messeteilnahmen im In- und Ausland von Bedeutung. Rund 29 Prozent ihres Umsatzes erzielen die befragten Galerien auf Messen.

 

 

 

 

Den Hauptanteil des Jahresumsatzes erzielen 95 Prozent der Galerien in Berlin durch Verkäufe im Primärmarkt. Die restlichen fünf Prozent der Galerien nennen Beratung im Kunstbereich als Haupteinnahmequelle. Damit fokussieren sich Berliner Galerien noch stärker auf den Primärmarkt als der gesamtdeutsche Durchschnitt, der bei 89 Prozent liegt. Die Berliner Galerien sind jedoch auch in anderen Tätigkeitsfeldern aktiv: neben Verkäufen im Primärmarkt spielen vor allem Beratung (von 53 Prozent der Galerien praktiziert), das Verlegen von Kunstpublikationen und das Kuratieren von Ausstellungen in externen Institutionen (jeweils 47 Prozent) eine Rolle. Verkäufe im Sekundärmarkt spielen eine untergeordnete Rolle (20 Prozent).

 

Gesamtjahresumsätze von über 100 Mio. Euro

 

Aufgeteilt in Umsatzklassen zeigt sich, dass 15 Prozent der Berliner Galerien einen Jahresumsatz unter 17.500 Euro erzielen. 12 Prozent liegen in der Umsatzklasse zwischen 17.501 und 50.000 Euro. Die meisten Berliner Galerien liegen in der Umsatzklasse zwischen 50.001 und 500.000 Euro (58 Prozent). 15 Prozent der Berliner Galerien erwirtschaften über 500.000 Euro. Im Jahr 2009 schätzten wir einen Gesamtumsatz von knapp über 100 Mio. Euro. Für das Jahr 2012 ergibt sich für die Galerien mit einem Jahresumsatz unter einer Million Euro ein Gesamtumsatz von 70 Mio. Euro. Hinzu kommen ca. 20 Galerien, deren Umsatz teils deutlich über eine Million Euro liegt. Werden diese hinzugezählt, ergibt sich für das Jahr 2012 wiederum mindestens ein hochgerechneter Gesamtumsatz aller Berliner Galerien von min. 90 Mio. Euro. Tatsächlich wird der Gesamtumsatz aber über 100 Mio. Euro liegen und ist abhängig von wenigen Galerien und deren Umsatzschwankungen.

 

Berliner Galerien nahmen im Jahr 2012 mit 2,4 Messeteilnahmen pro Galerie an überdurchschnittlich vielen Messen teil. Der Bundesdurchschnitt liegt bei ca. 1,9 Messeteilnahmen im Jahr 2012. Auf der diesjährigen Art Cologne nahmen etwa 40 Galerien aus Berlin teil, auf der diesjährigen Art Basel sind über 80 Berliner Galerien vertreten. In unserer Umfrage haben wir nach Messeteilnahmen in den letzten drei Jahren gefragt. Hier teilen sich die art berlin contemporary (abc) und die Art Cologne Platz 1; an diesen Messen nahmen jeweils knapp ein Drittel der befragten Berliner Galerien teil (31 Prozent). Den zweiten Platz belegen die Preview Berlin Art Fair und Art Karlsruhe mit jeweils gut einem Viertel von teilnehmenden Berliner Galerien (27 Prozent). Bei Beteiligungen an ausländischen Messen wurden Art Brussels, Art Basel und Art Basel Miami Beach mit jeweils etwa 20 Prozent genannt. Durch den Wegfall des Artforums und des Kunstsalons und das Hinzukommen von abc und Berlin Art Week hat sich die Berliner Messelandschaft wesentlich verändert.

 

Berlin ist weiterhin ein attraktiver Standort für Galerien

 

Der Gründungsboom von Galerien zu Anfang der 1990er Jahre ist zwar vergangen, dennoch verzeichnet Berlin nach wie vor einen hohen Anteil jüngerer Galerien im Vergleich zu Gesamtdeutschland. Trotz der Debatten um steigende Gewerbe- und Wohnmieten sowie eine Verknappung innerstädtischen Raums erscheint der Standort Berlin für Galeriegründungen weiterhin als attraktiv.

 

 

 

Bereits 2009 haben wir nach Standortfaktoren gefragt, die Berlin als Kunststandort attraktiv machen. Damals betonten die befragten Galeristen besonders die lebendige Kunstszene, das kunstinteressierte Publikum und das Image von Berlin als Kunststandort. Auch 2013 zählen diese Aspekte zu den wichtigsten Attraktoren für den Kunststandort Berlin.

 

 

In puncto Mobilität zeigen sich Berliner Galeristen aufgeschlossen: etwa 70 Prozent sind der Meinung, dass sie ihre Galerie auch in einer anderen Stadt erfolgreich betreiben könnten. Sofern es ökonomisch sinnvoll wäre, wäre sogar knapp die Hälfte der befragten Galerien bereit, mit ihrer Galerie umzuziehen (48 Prozent). Die Zahl derjenigen, die sowohl zum Umzug bereit wären als auch der Auffassung sind, dass sich ihre Galerie wirtschaftlich in einer anderen Stadt rentieren könnte, liegt bei 43 Prozent. Knapp die Hälfte der befragten Berliner Galeristen ist als mobil und vom jetzigen Standort der Galerie relativ unabhängig einzuschätzen.

 

 

 

 

Malerei und Skulptur meistverkauft

 

Malerei und Skulptur sind die Kunstgattungen, die von den meisten Galerien verkauft werden (jeweils 87 Prozent), dicht gefolgt von Zeichnung (84 Prozent) und Fotografie (80 Prozent). Die wirtschaftlich wichtigste Kategorie ist Malerei, 56 Prozent geben dies als ökonomisch relevanteste Kategorie an. In dieser Kunstgattung verkaufen 40 Prozent der Berliner Galeristen ein „typisches“ Gemälde für zwischen 1.001 und 5.000 Euro, bei weiteren 33 Prozent liegt ein „typisches“ Gemälde im Preissegment zwischen 5.001 und 10.000 Euro.

 

 

Galerien im Netzwerk der Berliner Kunstszene

 

Die Vernetzung mit einer Vielzahl verschiedener Akteure aus dem Kunstkontext spielt für die Galerien zunehmend eine Rolle. Am intensivsten werden die Beziehungen zu anderen Galerien sowie der Bezug zu privaten Sammlern eingestuft, dicht gefolgt von Kontakten zu öffentlichen Einrichtungen wie Kunstvereinen und Museen.

 

 

  

Die Partnergalerien kommen meist aus anderen Teilen Europas (63 Prozent) oder anderen Regionen Deutschlands (58 Prozent). Auffälligerweise kooperieren nur etwas mehr als ein Drittel der Berliner Galerien mit anderen Galerien aus der Region (37 Prozent). Stärkere regionale Vernetzung könnte in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, um gemeinsam Projekte und Ausstellungen zu realisieren, sowie politische Interessen gebündelt zu vertreten. Im Hinblick auf die weiteren Entwicklungen sind die Galeristen optimistisch: Mehr als die Hälfte der befragten Galerien (58 Prozent) vermuten, dass ihr Umsatz stabil bleibt, fast ein Drittel erwartet steigende Umsätze (29 Prozent) mit Zuwächsen von 10 bis 30 Prozent.

 

* Im Verlauf dieses Textes verwenden wir das generische Maskulinum - damit sind alle gemeint, die sich männlich, weiblich oder genderqueer in jeglicher Form identifizieren.

 

In Kooperation mit Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e.V. (BVDG), Landesverband Berliner Galerien e.V. (lvbg) und mit freundlicher Unterstützung von boesner Berlin