German  |  English  

Studio Berlin II: Studie zur Situation Berliner KünstlerInnen – Volltext

 

Vorwort

Diese Studie zur Situation Berliner KünstlerInnen ist die zweite Veröffentlichung des IFSE zur Gegenwartskunst in Berlin. Die Pilotstudie wurde im Juni 2010 in Kooperation mit dem Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) veröffentlicht. Die darin entwickelte Idee eines Berliner  Entwicklungsplans zur Gegenwartskunst bleibt aktuell. Dazu gehört, Gegenwartskunst als eigenständiges Orientierungsmerkmal einer entwicklungsorientierten Politik einzuführen und die Gegenwartskunst in Berlin als kulturelles Kapital der Stadt zu betrachten. Ein Berliner Entwicklungsplan zur Gegenwartskunst als das zentrale Instrument dient der Entwicklung und Umsetzung von Zielen mit einer Perspektive von zehn Jahren und gibt Kooperationen zwischen den beteiligten Akteuren eine verbindliche Form.


Der aktuelle Anlass für diese Studie ist die Ausstellung „Based in Berlin“. Vom 8. Juni bis 24. Juli werden Arbeiten von rund 80 KünstlerInnen gezeigt, die in Berlin leben und arbeiten. Als Beitrag zu dem Diskurs, der im Anschluss daran entstanden ist, präsentieren wir wichtige Aspekte zur Situation Berliner KünstlerInnen. An der Entstehung der Studie waren zahlreiche KünstlerInnen und VertreterInnen von Institutionen aus dem Bereich der Gegenwartskunst Berlins beteiligt. Für die Ergebnisse konnten wir die Antworten von 456 Berliner Künstlerinnen aus 30 Ländern auswerten. Für Anregungen und Kritik sowie für die Teilnahme an der Umfrage bedanken wir uns herzlich! Ein besonderer Dank geht in diesem Zusammenhang an den Berufsverband Bildender Künstler Berlin sowie an die Berliner Kulturverwaltung. Dem Ausstellungshaus C|O Berlin danken wir, dass es uns für die Vorstellung der Studie Räume zur Verfügung gestellt hat. Mehr als hilfreich war die spontane Unterstützung dieser Studie durch die Boesner GmbH in Witten und Berlin. Vielen Dank!


Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!


Hergen Wöbken
Geschäftsführer Institut für Strategieentwicklung (IFSE)


Studiendesign

Schwerpunkt dieser Studie sind die Ergebnisse einer Umfrage unter Berliner KünstlerInnen. Der Fragebogen wurde in Anlehnung an bisherige Umfragen vom Berufsverband Bildender Künstler erstellt und in Zusammenarbeit mit KünstlerInnen und VertreterInnen von Institutionen aus dem Bereich der Gegenwartskunst Berlins weiterentwickelt. Eingebettet sind die Umfrageergebnisse in eine vor allem qualitativ angelegte Forschung zur Gegenwartskunst Berlins seit dem Jahr 2008. In dieser Zeit wurden mehr als 100 ausführliche Interviews mit unterschiedlichen Protagonisten der Berliner Gegenwartskunst geführt. Die aktuelle Umfrage wurde online vom 26. Mai bis 5. Juni 2011 durchgeführt. Der Link wurde vom bbk, der Kulturverwaltung und vielen weiteren Institutionen und Netzwerken an Berliner KünstlerInnen versendet. Teilgenommen an der Umfrage haben 635 Personen. Ausgewertet wurden 456 komplett ausgefüllte Fragebögen, die nach strengen Kriterien der Zielgruppe zuzuordnen sind.


Die hier vorgestellten quantitativen Ergebnisse decken sich mit unserer Einschätzung und der befragter Experten aus der Kunstszene. Repräsentativ für alle Berliner KünstlerInnen können und sollen die Ergebnisse nicht sein, aber die Ergebnisse ermöglichen einen Überblick und skizzieren treffend die Situation Berliner KünstlerInnen. So korrespondiert die Verteilung von Alter, Geschlecht, Wohnorte oder Einkommen mit den tatsächlichen Gegebenheiten, soweit dies nachzuvollziehen ist. Die Internationalität der KünstlerInnen in Berlin schätzen wir mit etwa 25 Prozent hingegen höher ein. Der Anteil der TeilnehmerInnen an dieser Umfrage, die keine deutsche Staatsangehörigkeit haben, liegt bei 15,8 Prozent.


Für ein besseres Verständnis beginnen wir mit einem gekürzten Abschnitt aus der ersten Studie zur Gegenwartskunst in Berlin (Studio Berlin, IFSE 2010).


Berlin als Produktionsstandort für Gegenwartskunst

Berlin ist durch die hier lebenden KünstlerInnen einer der weltweit wichtigsten Produktionsstandorte für Gegenwartskunst. In kaum eine andere Stadt sind in den vergangenen Jahren so viele KünstlerInnen aus der ganzen Welt gezogen. Die Zahlen über die in Berlin lebenden KünstlerInnen gehen weit auseinander.  Eingrenzung ist schwierig, da die Zugehörigkeit zum Beruf „KünstlerIn“ durch unterschiedliche Definitionen erfolgt, welche durch berufliche Ausbildung oder durch ein Selbstverständnis geprägt sind. Die Künstlersozialkasse hat in Berlin 9.400 Klienten im Berufsfeld Bildende Kunst (2010), allerdings werden hier angewandte KünstlerInnen wie beispielsweise DesignerInnen und KunsthandwerkerInnen mit einbezogen. Der Berufsverband Bildender Künstler geht von über 5.000 KünstlerInnen in Berlin aus. Im  Kulturwirtschaftsbericht für Berlin vom Berliner Senat werden 629 Unternehmen und 1.654 Erwerbstätige im Segment „Selbständige Bildende Künstler“ für das Jahr 2006 genannt. Quellen sind das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg sowie die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Es ist davon auszugehen, dass ein Teil der so erfassten KünstlerInnen Tätigkeiten außerhalb ihrer eigenen künstlerischen Arbeit verrichten. Die Zahl der KünstlerInnen in Berlin, die Kunst als Beruf ausüben und ein ausreichendes Einkommen aus dem Verkauf Ihrer Kunstwerke oder aus Stipendien beziehen, liegt nach unserer Schätzung in jedem Fall unter 1.000. Der Anteil von internationalen KünstlerInnen, die sich nur temporär in Berlin aufhalten, liegt nach unserer Schätzung bei 25 Prozent. Die Gruppe der KünstlerInnen stellt sich sehr heterogen dar. Wenn über „die Künstler“ gesprochen wird oder ein(e) KünstlerIn sich als allgemeine(r) VertreterIn sieht, wird eine nicht vorhandene Homogenität unterstellt.


Es gehört zu den Prinzipien des Kunstmarktes, dass nur wenige den Weg an die Spitze schaffen. Nach dem Prinzip „the winner takes it all“ ziehen bei erfolgreichen KünstlerInnen Ausstellungen und Ankäufe weitere Ausstellungen und Ankäufe nach sich. Die meisten Bildenden KünstlerInnen können nicht von der Produktion und dem Verkauf ihrer Werke leben und benötigen andere Einkommensquellen. Nur ein kleiner Prozentsatz der aktiven KünstlerInnen schafft es, Aufmerksamkeit und Kapital an sich zu binden. In Berlin werden rund 5.000 KünstlerInnen durch Berliner Galerien präsentiert, etwa 2.500 von ihnen leben nach Angaben der Galerien in Berlin. Die Vertretung durch eine Galerie garantiert noch lange keine finanzielle Sicherheit. Unter den Galerien gibt es nur wenige, die genug erwirtschaften, um damit den von ihnen vertretenen KünstlerInnen ein ausreichendes Einkommen zu verschaffen. Diese Unsicherheit führt bei einem Teil der KünstlerInnen, die keine Stipendien, Kunstpreise oder Unterstützung durch Familie oder Mäzene erhalten, zu einer extremen psychischen Belastung. Einige sind auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Die Alternative liegt in einem zweiten Beruf zur Sicherung des Lebensunterhalts, idealerweise in einem kunstnahen Bereich wie kulturelle Bildung, Kunstpädagogik oder Dienstleistungen in Museen, Galerien und Ausstellungsräumen. Für renommierte KünstlerInnen bietet die Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen eine gesicherte Einkommensquelle und Altersversorgung. Insgesamt ist die Zahl der festangestellten KünstlerInnen sehr gering. Die Lebenshaltungskosten in Berlin sind für KünstlerInnen ein Standortvorteil. Andererseits ist es durch die schwache wirtschaftliche Lage in Berlin schwieriger, gut bezahlte Nebenjobs zu finden. KünstlerInnen finden in Berlin eine gute Infrastruktur für die künstlerische Produktion vor. Mit der Bildhauerwerkstatt im Wedding und der Druckwerkstatt im Bethanien verfügt Berlin über zwei herausragende Orte der Kunstproduktion. Beide Einrichtungen werden getragen durch das Kulturwerk des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin (BBK). Das Atelierprogramm der Senatsverwaltung für Kultur, welches durch den BBK verwaltet wird, bietet professionellen KünstlerInnen Atelierräume zu reduzierten Mietpreisen an. Auf diese Weise werden mehr als 800 Ateliers angeboten. Vor allem junge KünstlerInnen und AbsolventInnen stehen vor der Schwierigkeit, einen Zugang zum Kunstmarkt zu erlangen und im Kunstbetrieb sichtbar zu werden. Selbst die hohe Galeriendichte in Berlin kann diesen Zustrom an Interesse nicht auffangen. Deshalb werden KünstlerInnen oft selbst aktiv und suchen nach Wegen, sich eigenständig zu vermarkten. Ein Modell dafür ist die Produzentengalerie. KünstlerInnen schaffen sich selbst eine Ausstellungsplattform, indem sie gemeinsam Räume anmieten und dort Verkaufsausstellungen mit ihren Werken organisieren. Informelle Netzwerke sind für die Karriere von KünstlerInnen entscheidend. Sie entstehen durch persönliche Kontakte der KünstlerInnen und KunstvermittlerInnen. Einen festen Knotenpunkt in dem internationalen Netzwerk bilden die Residenzprogramme in Berlin, die über feste Orte und eine gewachsene Tradition verfügen.

Umfrage unter Berliner KünstlerInnen

An der Umfrage haben zu 63 Prozent Frauen und zu 34 Prozent Männer teilgenommen. Bei allen Fragen gab es die Möglichkeit, explizit keine Angabe zu machen, deshalb summieren sich die Ergebnisse nicht immer zu 100 Prozent auf. Das Alter beträgt im Durchschnitt 44 Jahre. Die TeilnehmerInnen sind zwischen 24 und 74 Jahre alt. Dabei sind zwei Drittel zwischen 30 und 50 Jahre. Sie kommen aus insgesamt 30 Ländern. In Berlin geboren sind 16 Prozent. Eine deutsche Nationalität haben 82 Prozent, eine Nationalität einer der EUStaaten ohne Deutschland haben acht Prozent. Anderen europäischen Staaten und dem Rest der Welt gehören ebenfalls acht Prozent an. Die tatsächliche Internationalität Berliner KünstlerInnen schätzen wir mit 25 Prozent höher ein. 80 Prozent geben an, dass sie das kommunale Wahlrecht besitzen, darunter sechs Prozent AusländerInnen. 14 Prozent besitzen es nach eigener Auskunft nicht.


30 Prozent der TeilnehmerInnen stufen sich selbst als „emerging artist“ ein. 32 Prozent sehen sich als „midcareer artists“ sowie sechs Prozent als „established artist“. 69 Prozent haben einen Abschluss an einer öffentlichen Kunsthochschule. Vier Prozent verfügen über einen Abschluss an einer privaten Bildungsinstitution für Bildende Kunst, neun Prozent über eine künstlerische oder handwerkliche Berufsausbildung. 12 Prozent bezeichnen sich als Autodidakten. Diese Selbsteinschätzung korrespondiert nicht unbedingt mit Erfolg oder einer guten wirtschaftlichen Situation. Die Gruppe der „emerging artists“ ist deutlich von jüngeren und weiblichen KünstlerInnen geprägt, wobei wir hier und im Folgenden die Gruppe bis zu 40 Jahren als „jünger“ bezeichnen. Der eigene Erfolg wird von den Befragten auf einer Skala von 1-10 mit durchschnittlich 4,9 bewertet. Zwei Drittel aller KünstlerInnen stufen sich zwischen eins und fünf ein, während ein Drittel sich zwischen sechs und zehn sieht. Die Jüngeren schätzen sich etwas eher als erfolgreich ein. Da KünstlerInnen mehrheitlich ihren Beruf als Selbstständige ausüben, ist der Einstieg in die professionelle Berufsausübung fließend. Vor diesem Hintergrund kann das Berufseinstiegalter nicht eindeutig festgelegt werden. Letztlich entscheidend ist die Wahrnehmung der KünstlerInnen selbst. Im Durchschnitt bezeichnen sich die TeilnehmerInnen seit 17 Jahren als KünstlerInnen. Ein Drittel versteht sich seit bis zu zehn Jahren als KünstlerIn, etwa zwei Drittel seit bis zu 20 Jahren und ein Sechstel seit dreißig Jahren und länger. Von ihrer künstlerischen Tätigkeit können die TeilnehmerInnen durchschnittlich seit etwa13 Jahren zumindest anteilig leben. Die Hälfte generiert seit zehn Jahren Einnahmen aus der künstlerischen Praxis, etwa zehn Prozent seit 30 Jahren und länger. Etwa die Hälfte der KünstlerInnen gibt an, Mitglied in einer beruflichen Interessenvertretung zu sein.

Künstlerische Arbeitsweisen
Die meisten KünstlerInnen ordnen ihre Arbeiten der Gattung Malerei zu. Allerdings ist der Wert mit 25 Prozent weniger hoch als erwartet. Zum Vergleich: Malerei ist mit über 80 Prozent die Sparte, die sich am besten über Galerien verkaufen lässt (Studio Berlin, IFSE 2010). Die Angaben zu den Arbeitsweisen korrespondieren mit dem, was im Augenblick Sichtbarkeit und Reputation in der Kunstszene verspricht. Nicht zur Wahl stand „Zeichnung“, die als offene Angabe einige Male genannt wurde. Da „Spartenübergreifend“ erwartbar oft genannt wurde, folgte hierzu eine Nachfrage, ob es innerhalb der Kategorie einen Schwerpunkt gibt. Es wurden vor allem „Installation“, „Medienkunst, Video und Sound“ sowie „Konzeptkunst“ genannt, danach folgen „Photographie“ und „Malerei“. Malerei überwiegt leicht bei den Jüngeren, während Konzeptkunst häufiger von den Älteren angegeben wird. Die „established artists“ geben häufiger eine kollektive Arbeitsweise an. Frauen arbeiten eher spartenübergreifend. Die meisten KünstlerInnen kombinieren mehrere Arbeitsweisen und bezeichnen ihre Arbeit nur zu einem geringen Anteil als objektbezogen.

Innerhalb der Gesamtheit der UmfrageteilnehmerInnnen fallen folgende Differenzierungen auf: Männliche Künstler arbeiten eher objektbezogen als ihre Kolleginnen (32 Prozent der Männer im Vergleich zu 20 Prozent der Frauen), dafür arbeiten die Frauen eher mit einer Kombination aus Arbeitsweisen (55 Prozent der Frauen im Vergleich zu 40 Prozent der Männer). Ebenso kombinieren „established artists“ eher mehrere Arbeitsweisen und arbeiten weniger objektbezogen. Da erwartungsgemäß viele KünstlerInnen mehrere Arbeitsweisen kombinieren, gab es für die Antwort „Eine Kombination aus mehreren Arbeitsweisen“ eine weitere Frage: „Bitte nennen Sie uns die Arbeitsweisen, auf die Sie einen Schwerpunkt legen“. Nun wurde „Konzeptuell“ etwas häufiger als „Objektbezogen“ angegeben.

Eine eher singuläre Arbeitsweise bevorzugen 77 Prozent der KünstlerInnen. 15 Prozent geben an, eher kollektiv zu arbeiten. Dies könnte Ausdruck einer neuen Entwicklung hin zu gemeinsamen Produktionsformen sein, die vor allem von jungen KünstlerInnen praktiziert wird. Die älteren KünstlerInnen arbeiten weiterhin eher singulär.


Mehr als die Hälfte aller Arbeiten entstehen ohne einen konkreten Anlass. Daneben entstehen viele Arbeiten für Bewerbungen oder eine konkrete Ausstellung. Auftragsarbeiten für KäuferInnen sind eher die Ausnahme. Das kann einerseits ein Anzeichen dafür sein, dass KünstlerInnen heute projektorientierter arbeiten, oder dass andererseits Überlegungen zum Einsatz der eigenen Ressourcen wichtiger werden. Die Jüngeren arbeiten eher für Ausstellungen/ Bewerbungen und die Älteren eher ohne konkreten Auftrag und Anlass. Diejenigen, die sich selbst als erfolgreich bezeichnen, arbeiten eher für Ausstellungen/ Bewerbungen, während diejenigen, die sich als weniger erfolgreich bezeichnen, häufiger ohne Auftrag und konkreten Anlass arbeiten.

Warum Berlin?
Es ist nicht leicht zu bestimmen, was eine KünstlerIn zu einer Berliner KünstlerIn macht. Berlin zieht Kunstschaffende aus aller Welt an. Die Bindungen an die Stadt und Beweggründe für einen Umzug nach Berlin sind vielfältig. Letztlich ist es aber vor allem die künstlerische Arbeit, die die KünstlerInnen an Berlin bindet. 60 Prozent geben an, dass ihre künstlerische Arbeit vor allem in Berlin stattfindet. Elf Prozent haben andere berufliche Verpflichtungen in Berlin. Weitere Gründe sind eine Galerienvertretung (drei Prozent), oder der/die LebenspartnerIn (vier Prozent). Vier Prozent haben in Berlin gelebt und deshalb noch eine starke Bindung zur Stadt. Die Bindung an Berlin wird vor allem mit Leben, Wohnen und Arbeiten begründet. Spezifischere Gründe werden wenig genannt. Die lebendige Kunstszene und die Atmosphäre der Stadt sind die ausschlaggebenden Faktoren für KünstlerInnen. Danach folgen mit einer ähnlich hohen Bewertung günstige Mietpreise sowie die Verfügbarkeit von interessanten Räumlichkeiten. Eine untergeordnete Rolle spielen Kunstsammler vor Ort und die Nähe zu Unternehmen der Kreativwirtschaft.


Das zum Ausdruck gebrachte kaum vorhandene Interesse an der Kreativszene deckt sich mit einem Eindruck, den wir unabhängig von den Zahlen gewinnen konnten: Auch wenn es zwischen KünstlerInnen und der Kreativbranche zahlreiche Berührungspunkte gibt, ist für KünstlerInnen das Kunstsystem die entscheidende Referenz, während die Kunst für die Kreativbranche eine von mehreren wichtigen Bezugssystemen ist. KünstlerInnen ist es oft wichtig, diesen Unterschied herauszustellen. Für KünstlerInnen, die sich mit ihren Arbeiten in den letzten drei Jahren an einer Messe beteiligt haben, sind naturgemäß eine hohe Galeriendichte und günstige Flugverbindungen etwas wichtiger, ebenso die hohe Zahl in Berlin lebender Künstler.

Öffentliche Förderung hat keine ausschlaggebende Rolle per se. KünstlerInnen wünschen sich in erster Linie eine lebendige und interessante Stadt mit freien und bezahlbaren Räumen. 18 Prozent der Männer und 34 Prozent der Frauen sehen in den Förderprogrammen einen wichtigen Faktor. Ein ähnliches Bild entstand bei der Umfrage unter Galeristen in Berlin. Gefragt nach den persönlichen Faktoren, die in Berlin eine Rolle spielen, sind die häufigsten Antworten: „Meine Freunde leben in Berlin“ sowie „Austausch mit anderen Künstlern“. Das unterstützt die These, dass die hohe Anzahl der KünstlerInnen in Berlin vor allem das Produkt einer Eigendynamik ist, die der Logik folgt, dass viele KünstlerInnen an einem Ort weitere KünstlerInnen anziehen. In der Gruppe der erfolgreichen KünstlerInnen verschiebt sich die Gewichtung der Faktoren leicht. Die erfolgreichen KünstlerInnen geben häufiger „Die beruflichen Möglichkeiten für meine künstlerische Arbeit“ an und „Beruflicher Austausch mit anderen Künstlern“ sowie „Berlin als Standort bringt mir Vorteile bei der Vermarktung meiner Kunst“. Die beruflichen Möglichkeiten und der Austausch mit anderen sind auch für die KünstlerInnen mit Messebeteiligung wichtig. Die Geschichte der Stadt ist zum Beispiel weniger wichtig. 

Wir wollten wissen, welche Szenarien eintreten müssen, damit KünstlerInnen die Stadt Berlin wieder verlassen. Fast zwei Drittel bringen hier die Angst vor steigenden Mieten zum Ausdruck: „Mieten steigen überproportional im Vergleich zu meinem Einkommen“. Weitere Gründe, Berlin zu verlassen, wären das Verschwinden ungenutzter und günstiger Freiräume, ein Verlust der Vielfalt in der Berliner Kunstszene oder neue Herausforderungen in einer neuen Stadt. Während die Gründe, die für Berlin sprechen, zum Teil in einem unauflösbaren Nebeneinander unterschiedlicher Eigenschaften liegen, lassen sich die Ängste relativ konkret fassen und hängen stark mit den beruflichen Möglichkeiten für künstlerisches Schaffen in Berlin zusammen.


Die Jüngeren würden eher gehen, wenn KünstlerInnen die Stadt verlassen. Sie würden auch eher gehen bei steigenden Mieten, bei Kürzungen von Förderprogrammen und Stipendien, wenn interessante Räumlichkeiten verschwinden oder wenn sie keinen bezahlten Job außerhalb der künstlerischen Arbeit finden. Für die meisten KünstlerInnen in Berlin kommt eigentlich kein anderer Ort in Frage, vor allem nicht in Deutschland. Am ehesten wären die Städte Hamburg, Köln, Leipzig und das Ruhrgebiet Alternativen. Einige würden gerne aufs Land ziehen. In Europa liegt London (15 Prozent) vorn. Ausdruck eines noch jungen Trends ist die Beliebtheit von Istanbul (zehn Prozent). Es folgen Paris (sieben Prozent), Wien (sieben Prozent), Amsterdam (sieben Prozent), Brüssel (vier Prozent) und Kopenhagen (vier Prozent). Weltweit bleibt New York (27 Prozent) die Lieblingsstadt der KünstlerInnen. Insgesamt werden zur Zeit vor allem Gentrifizierung, steigende Mieten, Immobilienspekulanten, Touristen und ein Hype um Berlin allgemein und um die Kunstszene im Besonderen negativ mit Berlin verbunden, ebenso wie Armut, Dreck und Lärm. Positiv werden vor allem die Offenheit, Toleranz, Vielfalt und Lebendigkeit der Stadt bewertet (siehe Abbildung Seite 17)


Wohnen und Leben in Berlin
91 Prozent der TeilnehmerInnen haben einen Wohnsitz in Berlin, sieben Prozent haben keinen Wohnsitz in Berlin. Diejenigen, die nicht in Berlin geboren wurden, sondern irgendwann nach Berlin gezogen sind, leben seit durchschnittlich 15 Jahren in Berlin. 74 Prozent leben seit dem Mauerfall in Berlin, 46 Prozent leben seit zehn Jahren und weniger hier. In Prenzlauer Berg, Kreuzberg, Neukölln, Mitte und Wedding leben zur Zeit fast 60 Prozent aller Berliner KünstlerInnen. Die Jungen wohnen eher in Neukölln (14 Prozent im Vergleich zu sieben Prozent der Älteren). Ihr Anteil überwiegt auch in Prenzlauer Berg. 29 Prozent sind in den letzten drei Jahren umgezogen. Aus (Prenzlauer Berg sind in diesem Zeitraum mit Abstand die meisten KünstlerInnen weggezogen (sechs Prozent). Leichten Zuwachs verzeichneten Schöneberg (zwei Prozent) und Mitte (zwei Prozent). Bei der Frage nach möglichen zukünftigen Stadtteilen zeigt sich, dass vor allem Kreuzberg, Schöneberg, Neukölln und Mitte mit weiteren Zuzügen rechnen können. Beim Vergleich von tatsächlichen sowie geplanten Ab- und Zuzügen der letzten drei Jahre lässt sich prognostizieren, dass Prenzlauer Berg unter dem Strich weiterhin mit einem Abzug von KünstlerInnen rechnen muss. Leichte Zuzüge sind wahrscheinlich in Pankow, Treptow und Weißensee. Nach Kreuzberg mit den anliegenden Stadtteilen Neukölln und Treptow wird Schöneberg zu einem attraktiven Stadtteil zum Wohnen für KünstlerInnen. Unabhängig vom derzeitigen Ort ihres Wohnens und Arbeitens ist Kreuzberg bei KünstlerInnen höchst beliebt. KünstlerInnen bevorzugen Viertel, wo bereits viele andere KünstlerInnen wohnen. Die Älteren würden sich eher für Charlottenburg entscheiden, die Jüngeren für Neukölln. Die KünstlerInnen verbringen durchschnittlich 80 Prozent ihrer Zeit in Berlin. Über die Hälfte (54 Prozent) geben an, 90 oder 100 Prozent des Jahres in Berlin zu sein, nur zehn Prozent verbringen die Hälfte ihrer Zeit oder weniger in ihrer Heimatstadt. Bildende KünstlerInnen sind damit weit weniger mobil, als es ihnen manchmal als vermeintlichen „Nomaden“ zugeschrieben wird.

Arbeiten in Berlin

Nicht alle KünstlerInnen verfügen über einen extra Arbeitsraum/ Atelier. Sieben Prozent benötigen keinen separaten Raum für ihre Arbeit. 22 Prozent haben keinen Arbeitsraum, obwohl sie ihn benötigen. Die Älteren haben deutlich häufiger eine private Atelierwohnung und auch häufiger ein öffentlich gefördertes Atelier. Die Jüngeren nutzen eher gemeinschaftliche Arbeitsräume. Es liegt auf der Hand, dass KünstlerInnen einen Arbeitsraum in der Nähe zum Wohnraum bevorzugen. Deshalb ähnelt die Verteilung der Arbeitsräume der Verteilung der Wohnräume. Die Nähe zu Berufskollegen spielt zudem eine große Rolle. Die Hälfte (50 Prozent) bewertet den Austausch mit anderen KünstlerInnen auf einer Skala von eins bis zehn mit den höchsten Werten von acht bis zehn. Nur elf Prozent vergeben die niedrigsten Bewertungen von eins bis drei. 76 Prozent geben an, dass sich ihre Arbeitsräume in der Nähe der Arbeitsräume von anderen KünstlerInnen befinden. Der Rest wünscht sich zu fast zwei Dritteln eine engere räumliche Nähe zu anderen KünstlerInnen.

43 Prozent haben in den letzten drei Jahren ihren Arbeitsraum gewechselt. Mit fast zehn Prozent hatte Mitte die meisten Abzüge von Arbeitsräumen in dieser Zeit. Ebenfalls etwas verloren haben Prenzlauer Berg und Tiergarten. 25 Prozent der Befragten planen im Augenblick einen Umzug. Folgende Gründe spielen eine Rolle: Raum zu klein (62 Prozent), Raum zu teuer (37 Prozent), Kündigung (sieben Prozent). Bei der Frage nach den Stadtteilen, die derzeit für Arbeitsräume in Frage kommen, steht wiederum Kreuzberg an der Spitze. Mit etwas Abstand folgen Mitte, Wedding, Neukölln und Schöneberg. Wedding und Mitte kommen für Arbeitsräume eher in Frage als für Wohnräume. Für die Wahl des Standorts spielen der eigene Wohnort sowie die Kosten des Arbeitsraumes eine zentrale.
Ebenfalls genannt werden die Arbeitsbedingungen vor Ort und die Infrastruktur und Lebendigkeit der Umgebung. Die Kosten für den Arbeitsraum liegen bei durchschnittlich 320,- Euro, wobei das auch die hohen Ausreißer von bis zu 3.000,- Euro einschließt. Der zentrale Wert liegt bei 250,- Euro, d.h. die eine Hälfte zahlt diesen Betrag oder weniger, die andere Hälfte zahlt Mieten darüber. Ein Drittel zahlt bis zu 170,- Euro, ebenfalls ein Drittel zahlt mehr als 320,- Euro, 15 Prozent liegen über 600,- Euro.

Ausstellen & Verkaufen
Die durchschnittliche Zahl der Einzelausstellungen für die einzelnen KünstlerInnen der letzten drei Jahre ist 3,2. 13 Prozent der KünstlerInnen hatten keine Einzelausstellung in den letzten drei Jahren. Ein Drittel haben vier oder mehr Einzelausstellungen gehabt, wobei 13 Prozent mehr als fünf Einzelausstellungen hatten. Im Schnitt fanden 1,7 Einzelausstellungen der 3,2 Einzelausstellungen in Berlin statt. 26 Prozent der Befragten haben in den letzten drei Jahren keine Einzelausstellung in Berlin gehabt. Etwas mehr als die Hälfte hatte ein oder zwei  Ausstellungen in ihrer Heimatstadt.


Diejenigen mit mehr als drei Einzelausstellungen in den letzten drei Jahren sind deutlich älter (71 Prozent älter im Vergleich zu 29 Prozent jünger). Männer sind erfolgreicher, was die Anzahl der Einzelausstellungen angeht. 46 Prozent der Männer hatten mehr als drei Einzelausstellungen im Vergleich zu den Frauen, von denen 28 Prozent mehr als drei Einzelausstellungen hatten. Weiterhin fällt auf, dass diejenigen mit mehr Einzelausstellungen häufiger Malerei angeben und eher objektbezogen arbeiten. Es überwiegt die singuläre Arbeitsweise.


Bei den Gruppenausstellungen ist der Durchschnitt der letzten drei Jahre 8,4. Keine Gruppenausstellung hatten sechs Prozent, die Hälfte aller Befragten verteilt sich relativ gleichmäßig zwischen einer und sieben Ausstellungsbeteiligungen, ein Viertel war an mehr als zehn Gruppenausstellungen beteiligt. Von den Gruppenausstellungen der letzten drei Jahre haben 3,5 in Berlin stattgefunden. Alles in allem hat so etwa die Hälfte der Ausstellungen Berliner KünstlerInnen in Berlin stattgefunden.

An diesem Ergebnis zeigt sich die wichtige Rolle der unterschiedlichen freien Räume in Berlin, in denen mit Abstand die meisten KünstlerInnen ausgestellt haben. Bei den Kommunalen Galerien fällt der Kunstraum Kreuzberg/Bethanien auf, in dem mit 17 Prozent die meisten KünstlerInnen in den letzten drei Jahren eine Arbeit gezeigt haben. Die Erklärung aus dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien dafür lautet, dass dort pro Jahr sechs bis sieben Gruppenausstellungen stattfinden, an denen zwischen acht und 25 KünstlerInnen beteiligt sind. Die Ausstellungen werden oft von Berliner Kulturschaffenden kuratiert, die durch ihre Kontakte zur Berliner Kunstszene auch ortsansässige Künstler einbeziehen. „Das entspricht unserem Konzept und unserer Absicht“ (Stéphane Bauer, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien). Ebenfalls hohe Werte zwischen fünf und sieben Prozent haben das Haus am Kleistpark (Tempelhof/ Schöneberg), Galerie Nord Kunstverein Tiergarten (Mitte), Galerie M (Marzahn/Hellersdorf) sowie Galerie Weißer Elefant (Mitte).

Die Selbstvermarktung aus dem Atelier ist für 38 Prozent der meist genutzte Weg, Arbeiten zu verkaufen, wobei Ältere diesen Weg öfter wählen als die Jüngeren.

Die Bedeutung der Selbstvermarktung spiegelt sich auch in der Präsentation von Arbeiten im Internet. Die überwiegende Mehrheit der KünstlerInnen verfügt über eine persönliche Website und nutzt zudem zahlreiche andere Online-Plattformen zur Darstellung und Vernetzung.

Mit 25 Prozent verfügt ein Viertel über Beziehungen zu klassischen Galerien. Davon sind wiederum ein Drittel (acht Prozent) durch feste Vertragsbeziehungen gebunden. Zusätzlich sind zwei Prozent an Produzentengalerien beteiligt. Von den Galerien sind 35 Prozent in Berlin, 30 Prozent im restlichen Deutschland und 15 Prozent in Europa. Sieben Prozent sind in weiteren Ländern auf der Welt verstreut. Die Unterstützung durch die Galerie wird insgesamt mittelmäßig bewertet. Mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) gibt der eigenen Galerie auf einer Skala von eins bis zehn eine Bewertung zwischen eins und fünf. Damit ist weniger als die Hälfte überwiegend zufrieden mit der eigenen Galerie. Als Grund dafür wird die Unzuverlässigkeit einiger Galerien genannt. 25 Prozent der KünstlerInnen mit Galerienbindung mussten in den letzten drei Jahren ihnen zustehende Zahlungen der Galerie manchmal anmahnen, bei sieben Prozent kam das öfter vor. Bei 55 Prozent kam das nicht vor. Wie der folgenden Grafik zu entnehmen ist, waren die KünstlerInnen mit Galerienbindung auf den unterschiedlichsten Messen vertreten. Der Anteil der Berliner Messen innerhalb aller Messebeteiligungen der befragten KünstlerInnen liegt bei 34 Prozent.


Ein typisches Merkmal für KünstlerInnen ohne Messebeteiligung ist, dass sie eher performativ und eher konzeptuell arbeiten.


Wirtschaftliche Situation

Das jährliche Einkommen liegt durchschnittlich bei 11.612,- Euro. Damit liegt der Durchschnitt der befragten KünstlerInnen in Berlin unter dem bundesweiten Durchschnitt von 13.185,- Euro, den die Künstlersozialkasse (KSK) zum 1. Januar 2011 angibt (Link zur KSK). Zum Vergleich: Das vorläufige Durchschnittsentgelt in der gesetzlichen Rentenversicherung wurde für das Jahr 2010 bundeseinheitlich auf 32.003 Euro festgesetzt (Link zur Deutschen Rentenversicherung). 42 Prozent der KünstlerInnen verdienen bis zu 6.000,- Euro im Jahr. 31 Prozent verdienen über 12.000,- Euro im Jahr und lediglich elf Prozent mehr als 30.000,- Euro im Jahr.


Wir waren daran interessiert, woraus der wesentliche Beitrag der Einkünfte kommt. Im letzten Jahr wurden mehr als 50 Prozent der jeweiligen Einkünfte zu etwas mehr als 40 Prozent aus Bereichen bezogen, die einen direkten Bezug zur künstlerischen Arbeit haben. Der Verkauf von Kunstwerken bietet nur 13 Prozent der KünstlerInnen Einkünfte von mehr als 50 Prozent. Von den Männern beziehen 19,7 Prozent mehr als die Hälfte ihrer Einkünfte aus dem Verkauf ihrer Kunstwerke. Von den Frauen sind es nur 9,7 Prozent. Nur 19 Prozent der KünstlerInnen konnten mit den Einkünften aus ihrer künstlerischen Arbeit ihre Kosten voll und ganz decken. Die überwiegende Mehrheit der KünstlerInnen können ihre Ausgaben nur zum Teil oder gar nicht durch Einnahmen aus ihrer künstlerischen Arbeit decken. 35 Prozent der Männer geben an, dass ihre Ausgaben voll gedeckt sind, bei den Frauen sind es nur 14 Prozent. Bei denjenigen mit mehr als drei Einzelstellungen in den letzten drei Jahren sowie denen mit einer Messebeteiligung sind die Kosten öfter gedeckt. Allerdings ist es in beiden Fällen auch nur jeweils ein Drittel. Diejenigen mit gedeckten Kosten arbeiten häufiger objektbezogen und kombinieren seltener die Arbeitsweisen. Die soziale Absicherung wird zu einem großen Teil durch die Künstlersozialkasse gewährleistet. Ein kleiner Teil von vier Prozent gibt an, über keine soziale Absicherung zu verfügen.


Nach den Angaben vieler KünstlerInnen ist wahrscheinlich, dass in erster Linie eine Lücke in ihrer der Rentenversicherung entstehen kann.57 Prozent der befragten KünstlerInnen gaben an, keine Schulden zu haben. 18 Prozent sind mit weniger als die Hälfte ihres gesamten Jahreseinkommens verschuldet, bei zehn Prozent übersteigen die Schulden das Jahreseinkommen. Der Rest hat keine Angabe gemacht. Diejenigen, die sich als erfolgreich bezeichnen, geben öfter an, Schulden zu haben, die das gesamte Jahreseinkommen übersteigen.


Der Anteil der rein künstlerischen Arbeit innerhalb der Gesamtarbeitszeit ist zum Teil gering. So gibt fast die Hälfte (47 Prozent) an, dass der Anteil ihrer künstlerischen Arbeit unter 50 Prozent liegt. Der Durchschnitt liegt bei 58 Prozent. Viel Zeit beanspruchen Organisation und Marketing rund um die originäre Kunstproduktion. Auf die Frage: „Welchen Anteil Ihrer Gesamtarbeitszeit benötigen Sie für Organisation, Marketing, Akquise u.a. Arbeiten, die im direkten Zusammenhang mit Ihrer künstlerischen Arbeit stehen?“ gab etwa die eine Hälfte an, bis zu 30 Prozent der Zeit dafür zu benötigen, die andere Hälfte gab an, bis zu 70 Prozent der Zeit dafür aufbringen zu müssen. Einige KünstlerInnen verwenden im Augenblick sogar ihre komplette Zeit dafür.


Kulturpolitik

Die Fragen nach Förderprogrammen und Kunstinstitutionen haben gezeigt, dass etwa die Hälfte der KünstlerInnen viele Förderangebote nicht kennt und kaum einen Bezug zu Institutionen der Bildenden Kunst in Berlin hat, während die andere Hälfte sich dafür interessiert und sehr differenzierte Meinungen dazu hat. So entsteht im Augenblick kein einheitliches Bild.

Ebenfalls zum großen Teil unbekannt sind Beratungs- und Weiterbildungsangebote. Genannt werden hier lediglich die Angebote des bbk Berlin und mit etwas Abstand das Career Center der Universität der Künste. Von einer kleinen Gruppe gibt es den Wunsch nach mehr Informationen über solche Angebote.

Die geförderten und freien Angebote werden insgesamt durchschnittlich bewertet. Mit einem Wert von acht auf einer Skala von eins bis zehn werden die Bildhauerwerkstatt und die Druckwerkstatt des bbk Berlin positiv bewertet. Mit einem Wert von 7,4 folgen die freien Projekträume und Off-Spaces, dann mit 6,2 die Atelierförderung sowie die Artist-in-Residence Programme. Es fällt auf, dass ein hoher Anteil der KünstlerInnen an keinem der geförderten Programme teilgenommen hat. Auch besteht offensichtlich ein Informationsdefizit. Insbesondere internationale KünstlerInnen sind nicht über das breite Angebot informiert.

Die Berliner Kulturpolitik wird auf einer Skala von eins bis zehn durchschnittlich mit 4,1 bewertet. Bei den Verbesserungswünschen überwiegt der allgemeineWunsch nach mehr Förderung. In den zahlreichen offenen Angaben wird zum einen deutlich, dass sich viele KünstlerInnen mehr Breitenförderung wünschen,z.B. in Bezug auf die Mietkosten für Ateliers und Atelierwohnungen oder die Unterstützung bei der Selbstvermarktung. Hinzu kommt, dass sich KünstlerInnen mehr Anerkennung wünschen und entsprechend ihrerRolle als „Standortfaktor“ einen höheren Anteil der Kulturförderung erhalten möchten. Die Vielfalt der Berliner Kunstszene soll erhalten bleiben, zudem wird gefordert, dass der Austausch von KünstlerInnen sowie kooperative und zeitlich begrenzte Projekte stärker berücksichtigt werden. Konkret nach ihren Wünschen gefragt, stehen Ausstellungsmöglichkeiten für Berliner KünstlerInnen ganz vorn. Es folgen Räume für innovative kuratorische Konzepte. Die Älteren würden die „Vermittlung zeitgenössischer Kunst an neue Zielgruppen“ stärker fördern und die Jüngeren würden sich eher „Räume für innovative kuratorische Konzepte“ wünschen.


Handlungsfelder

Ein Berliner Entwicklungsplan zur Gegenwartskunst bleibt eine zentrale Herausforderung, um der Entwicklung und Umsetzung von Zielen eine langfristige Perspektive zu geben. Ausgangspunkt und Ziel aller kulturpolitischen Überlegungen sollten die Bedingungen sein, die Berlin zu einem einzigartigen Produktionsstandort von Gegenwartskunst machen.


An erster Stelle steht der Bedarf an Räumen. Dazu gehören Arbeitsräume auf der einen Seite und Präsentationsräume auf der anderen. Obwohl das Atelierprogramm alles in allem als erfolgreich zu bezeichnen ist, deckt es nicht den Bedarf. Vielleicht ist es sinnvoll, über neue Konzepte der Raumnutzung nachzudenken, die sich an den erfolgreichen Werkstätten orientieren. Das würde bedeuten, dass sich eine Gruppe von KünstlerInnen mehrere unterschiedlich große und unterschiedliche ausgestattete Räume nach Bedarf teilen. Die Räume der freien Szene sind als Ausstellungsräume flexibler als die meisten anderen Institutionen und können dadurch besonders gut auf die zeitgenössische Kunst reagieren. Projekträume und Offspaces benötigen vor allem in den zentralen Bezirken einen Schutz. Dazu gehört, dass KünstlerInnnen nicht nur vorrübergehend als „Aufwerter“ geduldet werden, sondern langfristig in eine nachhaltige Stadtteilentwicklung mit einbezogen werden. Öffentliche Förderung sollte stärker so auf Projekte und Gruppen ausgerichtet werden, dass freie Initiativen davon profitieren.

An zweiter Stelle folgt das Prinzip der Dezentralität. Die Berliner Gegenwartskunst lebt davon, dass unterschiedlichste Orte und Anlässe geschaffen werden. Viele kleine Initiativen, die über die Stadt verteilt sind, verursachen eine Unübersichtlichkeit und Spannung, die Berlin für KünstlerInnen und Kunstinteressierte so anziehend machen. Diese Vielfalt ist von allein entstanden und sollte so gepflegt werden, dass sie sich weiterhin entfalten kann. In den Bezirken könnten die kommunalen Galerien eine wichtige Rolle einnehmen, wenn Aufgaben und Arbeitsgebiete von einigen kommunalen Galerien neu bestimmt und damit aufgewertet werden.

Drittens ist talentierter Nachwuchs unverzichtbar. Damit nehmen die Kunsthochschulen eine zentrale Rolle ein. Dieser Aspekt wird bisher weder in der Kunstszene noch in den Hochschulen selbst ausreichend beachtet. KünstlerInnen sind zu einem hohen Anteil mit Organisation, Marketing und Networking beschäftigt und werden mit diesen Anforderungen oft erst nach der Hochschule konfrontiert. Wie kann eine Betreuung und Begleitung in den ersten fünf Jahren nach dem Abschluss gestaltet werden? Es müssen neue Angebote konzipiert werden. Auf der Seite der KünstlerInnen setzen solche Angebote eine Offenheit voraus. Diese beginnt mit einer Haltung der KünstlerInnen, die es erlaubt, wirtschaftliche Rahmenbedingungen der eigenen Existenz ernst zu nehmen, ohne es gegen das eigene Verständnis als KünstlerIn auszuspielen.


Freie Räume zu schützen, Vielfalt zu pflegen und die Rolle der Hochschulen zu berücksichtigen, das sind zusammengefasst die drei Handlungsfelder, die sich in Bezug auf KünstlerInnen in Berlin anbieten. Die erste Studie zur Gegenwartskunst hat klar gezeigt, dass alle unterschiedlichen Akteure in Berlin den KünstlerInnen die Schlüsselrolle in der bisherigen und weiteren Entwicklung der Gegenwartskunst Berlins zuschreiben. Vielleicht wäre es ein Anfang, die KünstlerInnen Berlins so zu betrachten, als ob sie eine virtuelle und dezentrale Kunsthalle seien, und sich den drei skizzierten Handlungsfeldern entsprechend zu stellen.


Danke

Wir danken stellvertretend für alle TeilnehmerInnen der Umfrage folgenden KünstlerInnen, die uns die Veröffentlichung ihrer Namen gestattet haben:

Amir Fattal, Andrea Sunder-Plassmann, Andreas Herrmann, Anja Claudia Pentrop, Anna Borgman, Anne Michaux, bankleer, Barbara Wrede, Beate Jorek, Beate Tischer, Betty Böhm, Carolyn Sittig, Ce Jian, Cécile Belmont, Chantal Labinski, Christian Hoffmann, Christiane ten Hoevel, Concha Argüeso, Daffke Hollstein, DESSA, Egon Sachse, Elio Alfano, Elke Molkenthin, Ev Pommer, Frank Zucht, Frederik Foert, Fried Rosenstock, Gleb Bas, Hanna Mauermann, Helga Ntephe, Herr Müller, Hulda Ros Gudnadottir, Ilka A. Lörke, Iris Hillmeister-Becker, Jakob Kirchheim, Johannes Backes, Karin Kasböck, Karina Pospiech, Katrin Bäcker, Klaus Nofer, Knuzen, Lorenz Widmaier, Manu Wolf, Maria Glück, Maria Luisa Herrera Rapela, Martin Bothe, Martin Stützle, Mathias J. Blochwitz, Michaela Hartmann, Michelle- Marie Letelier, Milena Gierke, Nathalie Tafelmacher-Magnat, Nicole Monteran, Ol Fischer, Peter Anders, Peter Auge Lorenz, Rebecca Agnes, Renata Kaminska, Robert Schmidt-Matt, Roland Manzke, RÖMER + RÖMER, Sabine Heinz, Senne Simon, Silke Schilling, Silvia Maria Spieß, Stefan Kraft, Stephan Wengler, Sühey la Asci, Susanne Jung, Susanne Klopfstock, Thomas Behling, Ursa Schoepper, Ursula Heermann-Jensen, Veronika Volbrachtova, Veronika Witte, Virginie Mossé, Willi
Tomes, Zuzanna Skiba

Wir danken dem Berufsverband Bildender Künstler Berlin (bbk), der Berliner Kulturverwaltung und C|O Berlin sowie der Boesner GmbH in Witten und Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung von Mitarbeit im Projekt: Jannes Danlowski, Michaela Englert und Hergen Wöbken


Autor der Studie: Hergen Wöbken
https://twitter.com/Hergen_Woebken 


© Institut für Strategieentwicklung (IFSE) Juni 2011
www.facebook.com/Institut.fuer.Strategieentwicklung