Social media offline im start.camp über Kulturinstitutionen online
Das erste start.camp zum Thema Kunst und Kultur 2.0 startete am 3. Juli in einer sonnigen Allee vor dem Essener Unperfekthaus. Ich ließ mich zum ersten Mal auf das charmante Format einer Unkonferenz ein. Charmant, weil die Inhalte im Gegensatz zu klassischen Formaten vor Ort durch die Teilnehmer entstehen, direkt per Interessenvotum ausgewählt und anschließend in gemeinsamen Sessions selbst gestaltet werden.
So wird jeder zum aktiven Teil des Ganzen, sei es als Sessionleiter, Fragender, Input-Geber oder Berichterstatter. Zum anderen vertraut das Format auf das Know-How selbstorganisierter Gruppen, wodurch sich ein Raum der Möglichkeiten, Vernetzungen und Nähkästchenplaudereien eröffnet. Während der Vorstellungsrunde stellte sich heraus, dass neben Barcamp-Profis noch mehr Neulinge teilnahmen.
Die Veränderung der Mediennutzung mit ihren neuen Regeln und Werkzeugen geht immer noch mit einer Verunsicherung der Nutzer einher. Alle Anfänger, zu denen der Kulturbereich im Großen und Ganzen zählt, stehen vor folgendem Dilemma: Jeder möchte unbedingt dabei sein und sich mit seinem Unternehmen, seinem Projekt oder seinen Skills in dem WWW gewinnbringend vernetzen, ohne peinlich aufzufallen, geschweige denn überhaupt nicht aufzufallen oder gar kritisiert zu werden. Doch wie kultiviert man Web 2.0 als Kulturinstitution oder Kulturschaffender für Kunden, Partner, Mitarbeiter, Zuschauer, Mäzene oder für ein Publikum? Die einfachste Regel ist: Beobachte, lerne und siege. Pragmatisch in die Praxis umgesetzt bedeutet das: Mach mit und lass andere mitmachen. Der Nutzung stehen jedoch Ängste vor einer Auflösung der eigenen Anonymität und der falschen Handhabung im Wege. Denn egal ob in Form von Microblogs, Community-Profilen oder Blogs: Die Bedeutung im Web 2.0 speist sich derzeit weder aus sachlichen oder privaten Informationen, sondern aus Persönlichem. Auf diesem schmalen Grad der Unterscheidung werden die eigenen Inhalte unkontrollierbar und angreifbar. Wie der Bauer beim Schachspiel, so ist der aktive User sichtbar und kann nicht mehr zurück, sondern nur noch Zug um Zug weiter voran schreiten. Allerdings liegt eben darin die eigentliche Chance. Denn die Bedeutung eines Bauern wird im Verlauf der Schachpartie immer größer, da er sich beim Erreichen der gegnerischen Seite in eine stärkere Figur umwandeln lässt. Dieses Bild lässt sich wunderbar auf den Umgang mit dem Web 2.0 übertragen, da der Schritt aus dem analogen Schatten hinein in das digitale Licht die Möglichkeit birgt, auf Kritik zu reagieren, mit Kritikern in ein Gespräch zu kommen, Informationsvorsprünge zu nutzen, Aufmerksamkeit zu erlangen, eine höhere Erreichbarkeit zu schaffen und sich mit anderen Bauern zu vernetzen – denn isoliert ist ein Bauer immer nur dann, wenn er keine Nachbarbauern mehr hat. Dann liest keiner Deinen Blog.
Wird die Angst vor dem ersten Zug überwunden und die Partie eröffnet, steht ein Überblick über den zeitlichen Aufwand, die Kosten und die jeweilige Reichweite an. Was an quantitativen Einnahmen und Ausgaben neben den qualitativen Inhalten berücksichtigt werden sollte, lässt sich wiederum am besten auch über das Ausprobieren studieren und mit Hilfe einer deutlichen Zielformulierung – auch mit Unterstützung von Außen – fokussieren. Kulturprojekte tun gut daran, mit den bereits in der Wirtschaft eingespielten Bewertungsformen zu experimentieren, um davon ausgehend die passenden Werkzeuge entsprechend ihrer Ziele auszuwählen. Vielleicht lassen sich bestimmte Prinzipien und Regeln von Best Practices im Umgang mit Twitter & Co auf Kulturinstitutionen übertragen.
Für das Sponsoring im Kulturbereich könnte das Web 2.0 selbst als öffentlich kommentierter Raum immer attraktiver werden, da bei der Förderung von Kulturinstitutionen häufig die Frage nach Ort und Positionierung der Inhalte im öffentlichen Raum entscheidend ist. Kulturinstitutionen sollten sich im Sinne des Begriffs cultura sorgen und beginnen, die Variationschancen des Web 2.0 im Hinblick auf Austausch und Entwicklung zu entdecken und zu pflegen. Gerade weil ihre Angebote komplexer und die Ergebnisse unsicherer sein können als die mancher Wirtschaftsunternehmen. Der Umgang mit Variationen – sei es die Informationsbeschaffung oder das Nutzungsverhalten betreffend – ist den Bereichen Kunst und Kultur als das Expertenfeld diverser Darstellungsformen bekannt. Warum also nicht neue Formen des Publikumsaustauschs gestalten und selbst mal zum Publikum werden?
Das Format des BarCamps bietet eine spannende Plattform, um Spannungsverhältnisse zwischen off- und online Bereiche zu erzeugen und zu bearbeiten. Gerne mehr davon, aber dann wünschenswerter Weise mit mehr Teilnehmern aus den betroffenen Kulturinstitutionen.

