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Digitale Mentalität II - Ergebnisse der Studie

Wie gehen Webaktive und "normale" Internetnutzer in Deutschland mit digitalen Inhalten um? Wie unterscheidet sich die Mediennutzung? Welche Werte vertreten sie? Und wie denken sie über Parteien und Netzpolitik?

 

Der Trailer zur Umfrage mit einem Text von Bas Böttcher // Konzept und Produktion: ZENTRALNORDEN // Musik und Sound: OddOne Audio

 

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Digitale Mentalität II

Die Arbeit zum Thema „Digitale Mentalität“ begann für das Institut für Strategieentwicklung (IFSE) bereits 2004, als das IFSE im Auftrag von Microsoft die erste Studie zum Umgang mit digitalen Inhalten erstellte, siehe z.B. Spiegel Online vom 6. September 2004. In den Jahren darauf untersuchte das IFSE wiederholt die Einstellungen und Präferenzen von aktiven Internetnutzern, den sogenannten „Webaktiven“. Die nun vorliegende Studie vergleicht die Ergebnisse einer Umfrage unter Webaktiven zum ersten Mal mit einer repräsentativen Umfrage unter allen deutschen Internetnutzern zwischen 14 und 69 Jahren. Erste Ergebnisse wurden bereits in einer Studie zum Leistungsschutzrecht vorgestellt. An dieser Stelle veröffentlichen wir in erster Linie Ergebnisse unserer Online-Umfrage unter den Webaktiven mit einem herzlichen Dank an alle, die teilgenommen haben.

 

Es geht ein Riss durch die Gesellschaft: Zwischen den Nerds und allen anderen“, sagte Sascha Lobo vor Kurzem in einem Interview mit ZEIT CAMPUS. Die Studie "Digitale Mentalität II" zeigt, ob diese Erfahrungswelten so unterschiedlich sind, wie wir glauben: Wie gehen Webaktive und „normale“ Internetnutzer mit digitalen Inhalten um und welche Geschäftsmodelle zur Finanzierung digitaler Inhalte präferieren sie? Spielt unterschiedliches technisches Wissen eine Rolle dabei, wie Medien genutzt werden? Sind die Webaktiven hinsichtlich der Effektivität staatlicher Schutzmaßnahmen skeptischer? Glauben die Internetnutzer, dass Schutz im Internet möglich ist? Womit kennen sich im Internet nur Experten aus? Wir gehen mit dieser Auswahl von Themen der Frage nach, wie das Internet unser soziales Miteinander beeinflusst und wie ethische und gesellschaftliche Werte sich durch das Internet verändern.

 

Webaktive sind jung, urban - und größtenteils männlich

Der wesentlich höhere Männeranteil bei den Webaktiven fällt auf: Während etwa 53 Prozent der Internetnutzer männlich sind, haben 83 Prozent Männer an der Webaktiven-Umfrage teilgenommen. Die Webaktiven sind „typischerweise“ jung (zwischen 20 und 29 Jahren), urban (höchste Teilnahmequoten in Berlin und Hamburg) und verfügen über einen überdurchschnittlich hohen Bildungsstand (40 Prozent Hochschulabschluss o.Ä.). 

 

Medienaktivitäten an einem Endgerät

Webaktive verbringen deutlich mehr Zeit mit Medienkonsum – im Schnitt beschäftigen sie sich täglich fast drei Stunden mit dem privaten Computer (173 Min.), im Gegensatz zu 96 Min. bei Internetnutzern. Auffällig hieran ist, dass Webaktive mehrere Medienaktivitäten bzw. -funktionen über das Endgerät PC abwickeln, beispielsweise Radio hören, TV schauen oder online Nachrichten lesen. Diese Aktivitäten finden teilweise gleichzeitig statt (z.B. online Musik hören, Emails lesen und in sozialen Netzwerken Zeit verbringen). In Bezug auf die Aktivitäten im Internet sehen wir, dass Webaktive und Internetnutzer am häufigsten Email und Facebook nutzen. Darüber hinaus erstellen Webaktive viel eigenen Content, zum Beispiel in Form von Forumsbeiträgen (41 Prozent), eigenen Websites (26 Prozent) und Twitter (23 Prozent). Durch diese Eigenproduktion von digitalem Content entsteht u.a. die These, dass Webaktive Meinungsführer bei netzpolitischen Themen sind, Diskurse im Netz verfolgen, kommentieren und mitgestalten - und deswegen von hoher politischer Relevanz sind. Aber sie sind auch in wirtschaftlicher Hinsicht relevant: Generell geben Webaktive mehr für Medieninhalte (digital und analog) aus (77 Euro monatlich) als Internetnutzer (61 Euro monatlich).

 

Webaktive: Einstellungen zu illegal kopiertem Inhalt

Ein weiterer Unterschied zwischen Webaktiven und Internetnutzern liegt im Besitz illegal kopierten Contents: 47 Prozent der Webaktiven geben an, dass mehr als 50 Prozent ihres Besitzes aus Musik, Film, Software und Games illegal kopiert ist. Bei Internetnutzern sind es nur 11 Prozent. Diese Zahl zeigt, dass „Raubkopieren“ unter „normalen“ Internetnutzern nicht als Massenphänomen einzustufen ist, sondern eher bei Webaktiven vorherrscht. 37 Prozent der Webaktiven berichten jedoch von einer Abnahme ihrer persönlichen Nutzung von illegal kopiertem Content – im Gegensatz zu 15 Prozent der Webaktiven, die angeben, dass ihr Konsum von illegalem Content zugenommen habe. 

 

Gründe für die Abnahme bzw. Zunahme von illegal kopiertem Inhalt sind unterschiedlichster Natur. Für die Abnahme spricht laut den Webaktiven, dass mehr legale kostenpflichtige (41 Prozent) oder legale kostenfreie (69 Prozent) Angebote genutzt werden und dass ein selektiverer Konsum stattfindet (67 Prozent). Für die Zunahme der Nutzung von illegal kopiertem Content sprechen weiterhin vor allem Kostengründe (72 Prozent), aber auch die bessere Kundenfreundlichkeit bzw. „Usability“ von illegalem Content (61 Prozent). Damit sind die Argumente für die Nutzung bzw. Zunahme der Nutzung von illegal kopiertem Content zwar eher unpolitisch und stellen hauptsächlich auf Bequemlichkeit oder neudeutsch „Convenience“ ab. Ob dies jedoch ein Zeichen für strategisch cleveres Antwortverhalten der Webaktiven ist oder ein Hinweis für Medienunternehmen, in Sachen Usability zu investieren, bleibt ein spannender Diskussionspunkt. Die Antworten der Webaktiven deuten darauf, dass ein leichter und kundenfreundlicher Zugang zu digitalem Content („Access“) eine wichtige Rolle für sie spielt.

 

Allgemeine Gründe für die Verbreitung von illegal kopiertem Content sehen Internetnutzer in einer „Umsonst-Mentalität“, in der, wenn es etwas umsonst gibt, die Bereitschaft, dafür zu zahlen, nicht gegeben ist (90 Prozent). Die Webaktiven sehen das anders und betonen wieder die bessere Kundenfreundlichkeit illegaler Angebote (81 Prozent) sowie die Möglichkeit, Neues kennenzulernen (91 Prozent). Schließlich besitzen die Webaktiven nicht nur mehr illegal kopierten Inhalt, sondern haben auch ein deutlich anderes Risiko- bzw. Angstempfinden: Während 53 Prozent der Internetnutzer Angst haben, beim „Raubkopieren“ erwischt zu werden, teilen nur 23 Prozent der Webaktiven diese Angst. Der Großteil der Webaktiven würde sich jedenfalls nur bedingt von Warnhinweisen vom „Raubkopieren“ abhalten lassen (64 Prozent).

 

Gewerbliche Nutzung illegalen Contents soll bestraft werden

In einer Sache sind sich Webaktive und Internetnutzer einig: Jeweils über 80 Prozent sind der Meinung, dass die gewerbliche Nutzung von illegal kopiertem Content bestraft werden sollte. Die Bestrafung privater Nutzung von illegal kopiertem Content befürworten wesentlich mehr Internetnutzer als Webaktive. Die Schäden, die durch Raubkopien entstehen, werden von Webaktiven und Internetnutzern unterschiedlich eingeschätzt: Die Mehrheit der Internetnutzer identifiziert Schäden für die Urheber oder Verwerter, mehr als die Hälfte der Webaktiven sind der Ansicht, dass kein Schaden entstehe, „da niemandem etwas weggenommen wird“.

 

Wie können wir digitale Inhalte finanzieren?

Während jeweils nur wenige Internetnutzer und Webaktive ein vollkommen kostenfreies Internet befürworten, sprechen sich jeweils über 40 Prozent beider Nutzergruppen dafür aus, dass Inhalte aus Bildung und Wissenschaft kostenfrei im Internet verfügbar sein sollen. Wie diese Inhalte finanziert werden sollen, ist eine offene, aber dringend zu diskutierende Frage. Eine Möglichkeit der Finanzierung digitaler Inhalte – durch Werbung finanzierte Online-Angebote – empfinden jedoch fast 90 Prozent der Internetnutzer als störend. Die Hälfte aller Internetnutzer und mehr als drei Viertel aller Webaktiven benutzen bereits einen Werbeblocker, um sich vor Werbung zu „schützen“. 

 

Transparenz dringend erforderlich

Die Webaktiven schätzen die Wichtigkeit von Transparenz in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen extrem hoch ein. Es ist davon auszugehen, dass sich angesichts jüngster Entwicklungen wie der WikiLeaks-Affäre und dem NSA-Skandal die Meinungen dazu noch verstärkt haben. Die Webaktiven befürworten ebenfalls deutlich das Recht auf Anonymität im Internet (73 Prozent). Anonymität sei wichtig zur Wahrung der Meinungs- und Ausdrucksfreiheit und zur Aufrechterhaltung sozialer Rollen in unterschiedlichen Kommunikationskontexten; sie erfülle somit eine Schutzfunktion für alle User im Netz. Argumente gegen Anonymität sind weniger auf demokratische Grundrechte, als auf Sekundärtugenden zurückzuführen. Gegner von Anonymität argumentieren so, dass Pseudonyme oder anonyme Kommentare eine Kultur des respektlosen und radikalisierten Umgangs fördern könnten. Des Weiteren lehnen die Webaktiven die Einführung einer Klarnamenpflicht klar ab. Diese gesetzlich festgesetzte Kennzeichnung des bürgerlichen Namens bei sämtlichen Internetbewegungen würde es Unternehmen ermöglichen bzw. erleichtern, Verknüpfungen zwischen den Bewegungen einzelner Nutzer im Netz zu identifizieren. Diese verknüpften Informationen sind  für Werbe- und Marketingmaßnahmen wertvoll. Die Ablehnung der Webaktiven könnte daher rühren, dass sie genau das wissen. 

 

Datenschutz – Mehr Skepsis gegenüber staatlicher Überwachung

Webaktive äußern deutlich mehr Skepsis gegenüber staatlicher Überwachung. Sie sprechen sich klar gegen Vorratsdatenspeicherung (75 Prozent) und Online-Durchsuchung (69 Prozent) aus. Jeweils gut die Hälfte der Internetnutzer befürwortet hingegen die Vorratsdatenspeicherung und die Online-Durchsuchung. Hinsichtlich der Datenvoreinstellungen, die wenig persönliche Daten erfassen („Privacy-by-Default“) sind beide Nutzergruppen für eine stärkere Regulierung. 

 

Großer Wunsch nach mehr Sicherheit im Internet

Ein überragender Anteil der Internetnutzer wünscht sich mehr gesetzliche Schutzvorkehrungen im Netz (82 Prozent). Bei den Webaktiven wünschen sich lediglich 32 Prozent mehr gesetzliche Anstrengungen zum Schutz der User. Wie bereits erwähnt, sind die Webaktiven gegenüber staatlichen Eingriffen eher skeptisch. Nur im Hinblick auf Netzneutralität, also die wertneutrale Übertragung von Daten, befürworten die Webaktiven staatliche Eingriffe: Fast zwei Drittel der Webaktiven sind der Meinung, dass Netzneutralität nur durch einen staatlich regulierenden Eingriff gewährleistet werden kann.

 

Piratenpartei – Kompetenzführer in der Netzpolitik

Die Parteien kriegen durch alle Altersklassen hinweg sowohl von den Webaktiven als auch von den Internetnutzern schlechte Noten für ihre Internetkompetenz. Abgeschlagen belegen die GRÜNEN Platz zwei. Die Piratenpartei wird in Sachen Internetkompetenz deutlich am kompetentesten wahrgenommen. Besonders junge Internetnutzer (89 Prozent der 14-19-Jährigen, 86 Prozent der 20 bis 29-Jährigen) verorten in der Piratenpartei eine Internetkompetenz. 81 Prozent der Webaktiven halten die Piraten für eine aussichtsreiche und neue Form transparenter Demokratiegestaltung. Das Software-Tool „Liquid Feedback“ wird von 84 Prozent als effektives Mittel zur Entscheidungsfindung und Meinungsbildung eingeschätzt. Bei der Bundestagswahlergebnisses hat die Piratenpartei zwar keine wahlentscheidende Rolle gespielt, dennoch sollten wir die Piratenpartei nicht zuletzt aufgrund der Meinung junger oder zukünftiger Wähler im Auge behalten. Dass überhaupt eine Single-Issue-Partei gegründet wird, um netzpolitische Belange im gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu verankern, ist ein starkes Zeichen für die zunehmende Bedeutung des Internets für die Gesellschaft. Die Wichtigkeit von zeitgemäßer Netzpolitik wird mit der Digitalisierung der Gesellschaft weiter zunehmen. Diesen Trend sollten die „etablierten“ Parteien wahrnehmen und wesentlich mehr Kompetenz im Bereich Netzpolitik aufzubauen. 

 

Kampagnen & Petitionen

90 Prozent der Webaktiven haben nach eigenen Angaben bereits an Kampagnen und Petitionen im Internet teilgenommen. 67 Prozent der Webaktiven leisten nach eigenen Angaben immer wieder auch weitergehendes Engagement anstatt sich nur auf das „Liken“ und Eintragen für Kampagnen zu beschränken.

 

Mehr Flexibilität durch das Internet – Fluch oder Segen?

Im Hinblick auf die Veränderung gesellschaftlicher Werte beobachten Webaktive sowie Internetnutzer eine Zunahme von Flexibilität, Toleranz und Solidarität. Darüber hinaus sehen Webaktive einen Anstieg von Gerechtigkeit. Sogenannte Sekundärtugenden wie Fleiß, Disziplin oder Höflichkeit nehmen laut Einschätzungen der Internetnutzer durch das Internet eher ab. Webaktive stimmen diesen Einschätzungen zu, schätzen die Abnahme dieser Werte aber etwas weniger stark ein. 70 Prozent der Internetnutzer sagen, dass das Internet keinen Einfluss auf ihre sozialen Kontakte hat. Sie konzentrieren sich eher auf „reale“ bzw. Offline-Kontakte. Für 56 Prozent der Webaktiven haben soziale Kontakte allerdings durch das Internet eher zugenommen.

Updates zur Studie via Twitter: @Hergen_Woebken
#digimen #IFSE