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Das Andere in der Kunst – Frauen sind in Galerien unterrepräsentiert

 

Im Rahmen unserer bundesweiten Studie zur wirtschaftlichen und sozialen Rolle der zeitgenössischen Kunstgalerien in Deutschland haben wir untersucht, wie viele Künstler_Innen von deutschen Galerien repräsentiert werden. Die Aussage ist eindeutiger als angenommen: 25 Prozent der ausgestellten Künstler_Innen sind weiblich, 75 Prozent männlich. Eine Spurensuche.

Dass auch dem Kunstmarkt – wie jeder anderen Markt- oder Austauschbeziehung – eine Gender-Dimension immanent ist, ist unstrittig. Bei Wikipedia gibt es einen Eintrag zu „Frauen in der Kunst“, aber keinen zu „Männern in der Kunst“. Das Subjekt ist wohl auch in der Kunst offiziell universal, aber unterschwellig männlich konnotiert. Fraglich ist nun, ob und wie man von einer strukturellen Benachteiligung von Frauen im Kunstbetrieb sprechen sollte und welche Handlungsräume sich daraus ergeben. Diese These verstärkt die Abgrenzung von Frauen als Frauen und stellt deren geschlechtliche Situation über die künstlerischen Positionen. In manchen Fällen von Galeristinnen[1] oder aufstrebenden Künstlerinnen zeigt sich eine „positive Diskriminierung“ in dem Sinne, dass eine Frau mehr Sichtbarkeit und Medienaufmerksamkeit erfährt, gerade weil sie eine Frau ist. Die Kehrseite der gesonderten Stellung als Frau zeigt sich hingegen darin, dass Arbeiten von Frauen preiswerter verkauft werden (vgl. IFSE, Studio Berlin II, 23 ff.) oder dass eben weniger Künstlerinnen von einer Galerie vertreten werden.

Der Weg mit dem Ziel, langfristig von einer Galerie vertreten zu werden, ist für Künstler_Innen generell steinig und kann mehrere Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern. Ältere Künstler_Innen fungieren oft als Gatekeeper, die für (junge) Talente Türe öffnen und Kontakte knüpfen und sie so automatisch von anderen abheben. Netzwerke informeller und formeller Art spielen hierbei eine entscheidende Rolle: Während es sichtlich mehr Frauen-Netzwerke in der Kunstszene gibt, in Berlin zum Beispiel Goldrausch – Künstlerinnen art IT, sind informelle Netzwerke häufig von Männern dominiert, werden aber nicht als solche markiert. Der Impuls, neue Netzwerke für Frauen zu schaffen, wie die ehemalige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Doris Ahnen, noch vor einigen Jahren riet, könnte kontraproduktiv sein, da diese Netzwerke die Geschlechterbinarität aufrecht erhalten und eventuell nur den Binnenzusammenhalt der Akteurinnen stärken können. Zumindest die Ambivalenz geschlechtsspezifischer Netzwerke sollte im Hinterkopf behalten werden.

Absolventinnen sind nicht gleich Ausgestellte

In  beiden Berliner Kunsthochschulen liegt der Frauenanteil konstant bei über 55 Prozent: An der Universität der Künste (UdK) lag der Anteil der Absolventinnen aller Fachrichtungen im Jahr 2011 bei 58 Prozent[2], in der Kunsthochschule Weißensee (KHB) betrug die Absolventinnenquote im Jahr 2011 sogar 63,8 Prozent[3]. An beiden Hochschulen machten 2011 Frauen zudem die Mehrheit der Studierendenschaft aus (UdK: 57,2 Prozent[4], KHB: 67,4 Prozent[5]). Woran liegt es nun, dass gut ausgebildete Künstlerinnen nicht von Galerien aktiv vertreten werden? Fehlt Frauen der Unternehmer(_Innen)geist, um sich selbst geschickt zu vermarkten? Verkörpern sie das Klischee des „Künstlers“ als selbstbewusstes und eigenartiges Genie weniger überzeugend? Oder liegt es daran, dass immer noch meist (weiße, heterosexuelle) Männer als Kaufinteressenten in Erscheinung treten und eher Kunst von „Ihresgleichen“ kaufen wollen? Eine mögliche Antwort deutet auf das Dilemma der geforderten Flexibilität, vor welchem Frauen auch in anderen Berufssparten stehen: stets erreich- und einsetzbar zu sein, was als (alleinerziehende) Mutter bei derzeitigen Betreuungsbedingungen in Deutschland fast eine logistische Unmöglichkeit darstellt. In der Konsequenz sind die Künstlerinnen, die nicht so flexibel sind, eben schwer für eine Galerie haltbar. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob bei mehr Kunsthochschulabsolventinnen die Zahl der von Galerien vertretenen Künstlerinnen ebenfalls höher sein wird.

Klar ist, dass es materielle Unterschiede in der Situation von Künstlerinnen und Künstlern gibt. Und klar sollte sein, dass Kunst von Frauen nicht synonym mit feministischer Kunst ist, auch wenn feministische Kunstprojekte wie das re.act.feminism – Performing Archive meist ausschließlich von Frauen initiiert werden. Es geht nicht um die Kunst von Frauen, sondern um Kunst. Der Diskurs über das Verbleiben der Frauen in der Kunst ist dennoch notwendig, weil die Kunst sonst gesellschaftliche Missstände wie die Benachteiligung von Frauen reproduziert, anstatt sie zu thematisieren und an ihrer Auflösung mitzuwirken.

Die bundesweite Galeriestudie des IFSE mit der gesamten Analyse der Umfrageergebnisse wird am 15. Oktober 2013 um 11:00 Uhr in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt.


[1] Unsere Recherchen im Rahmen der bundesweiten Galerienstudie 2013 ergibt auch ein starkes Ungleichgewicht zwischen Galeristinnen (38 Prozent) und Galeristen (62 Prozent).

[2] Universität der Künste: Leistungsbericht 2011, 12.

[3] weißensee kunsthochschule berlin: Leistungsbericht 2011, 12.

[4] Universität der Künste: Leistungsbericht 2011, 12.

[5] weißensee kunsthochschule berlin: Leistungsbericht 2011, 12.