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10 Thesen zur Internetgesellschaft

 

Die 10 Thesen in der Kurzübersicht: digitale-mentalitaet.de

01. Die digitale Kluft

Eine digitale Kluft verläuft in Deutschland nicht nur zwischen den „Onlinern“ und „Nonlinern“. Die digitale Kluft tut sich auch im Netz selbst auf, wo sich neben der Masse der Onliner die Avantgarde einer neuen Gesellschaftsform ausbildet. Während die Mehrheit der Onliner das Internet als technisches Verbreitungsmedium nutzt, hat die avantgardistische Minderheit das Internet privat und beruflich so in ihr Leben integriert, dass die Grenzen zwischen online und offline fließend verlaufen.

Diese Avantgarde im Netz ist bisher jung und männlich. Frauen sind unterrepräsentiert, und die meisten älteren Menschen werden wahrscheinlich nie mehr den Anschluss finden. Dazu gehören auch viele Entscheider. Frauen haben das Internet bislang noch nicht als Gestaltungsmedium für gesellschaftliche Veränderungsprozesse für sich entdeckt. An den derzeit maßgeblichen Entwicklungen im Internet partizipieren sie nur wenig. Das muss für eine Gesellschaft, die noch nicht einmal die letzten Etappen einer vollständigen Gleichstellung der Frau abgeschlossen hat, ein immenses Alarmsignal sein.

Grundsätzlich gilt: Das Internet (und damit die Gesellschaft) entwickelt sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Die einen verschicken mal eine Email, googeln und schauen ab und zu auf Facebook und Spiegel Online, die anderen integrieren das Internet in seinen vielfältigen Erscheinungsformen so in ihren Alltag, dass sie ohne das Internet nicht einfach nur offline wären – sie hätten nicht mehr das Leben, das sie jetzt führen. 

02. Online – ergo sum

Der Ursprung sozialer Interaktion ist das Internet. Während die klassischen technischen Verbreitungsmedien das „wahre“ Leben repräsentiert haben (mit allen Abweichungen, die dann von der Medienkritik aufgegriffen wurden), entfalten sich im Internet Identitäten, die dann auch „offline“ ihre Entsprechung finden. Bisher war Kommunikation unter Anwesenden der Normalfall und Kommunikation unter Abwesenden die Ausnahme. Nun wird die Kommunikation unter Abwesenden zum Normalfall, auf den wir in der Kommunikation unter Anwesenden reagieren müssen. Langfristig wird sich das auf unsere sozialen Kontakte auswirken. Während wir heute die Kontakte, die wir aus persönlichen Begegnungen kennen, im Internet pflegen, werden wir bald die meisten Kontakte aus dem Internet kennen und dann entscheiden, ob wir sie auch in Form persönlicher Begegnungen weiterführen. Die Bedeutung dieser Transformation kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn die Möglichkeit, Sympathien anhand überlieferter Attribute – Blickkontakt, Geruch, Körpersprache – festzustellen, fällt online weg. 

03. Das Ende der Datenträgerindustrie

Die Datenträger für Bücher, Zeitungen, Musik und Filme werden in den nächsten 20 Jahren aussterben. Sie haben dann wirtschaftlich keine Relevanz mehr. Sie überleben lediglich als Kulturform in einer Nische, so wie es heute noch Langspielplatten gibt, die von wenigen Liebhabern und DJs gekauft und getauscht werden. Einzige Datenträger sind in absehbarer Zeit ein kleiner Computer für unterwegs und ein großer Computer für zu Hause. Das impliziert auch, dass die bisherigen Medienbranchen verschwinden. Auf dem Weg dahin verschwinden zuerst die Branchengrenzen in der gesamten Kreativindustrie. Überleben können nur die Akteure, die diesen Wandel als Chance für eine radikale Transformation der eigenen Organisation begreifen. Siehe dazu den Artikel: "Wer nicht experimentiert, verliert"

04. Die digitale Avantgarde 

Nur ein kleiner Teil der mehr als 50 Millionen Onliner der Bundesrepublik (etwa 5-15%) ist für die Erstellung und Verbreitung von Inhalten im Internet verantwortlich. Dieser kleine Teil prägt damit einen außerordentlich hohen Anteil unserer Wirklichkeit, derer wir uns durch das Internet vergewissern. 

05. Medienunternehmen verlieren den Anschluss 

Durch den Kampf der Medienunternehmen gegen die Verbreitung illegaler Inhalte (technische Restriktionen und Abschreckung) haben diese Unternehmen den Anschluss an neue Entwicklungen zum großen Teil verloren. Die Verbreitung von illegalen Inhalten hat für Medienunternehmen nur indirekt eine strategische Relevanz: Wer überleben will, hat dieses Phänomen als neue Umweltbedingung zu akzeptieren. Neue Inhalte und neue Verbreitungsformen etablieren sich längst jenseits der Frage von illegalen Inhalten und generieren in Form von Facebook, Google, Amazon und neuen Startups Umsätze in Milliardenhöhe. 

06. Wer nicht experimentiert, verliert

Internetnutzer sind nicht mehr bereit, für herkömmliche digitale Inhalte zu zahlen – und man wird sie auch nicht umerziehen können. Es ist egal, wie wir das bewerten, wir müssen es akzeptieren. Eine Finanzierung durch Werbung ist keine Alternative. Zum einen wird sich Werbung im Vergleich zu anderen Marketingmaßnahmen zunehmend als weniger wirkungsvoll erweisen. Zum anderen kommen vermehrt Werbeblocker zum Einsatz – sogar bei „normalen“ Internetnutzern, die sich nicht besonders gut mit technischen Fragen auskennen. Es gibt aber prinzipiell die Bereitschaft, für spezielle Dienstleistungen zu zahlen – als Beispiel seien vorsortierte Informationen für bestimmte Zielgruppen genannt. Und es gibt prinzipiell alternative Erlösmodelle. Es gilt, diese mit aller Kraft und mit viel Experimentierfreude zu entwickeln. Abwehrmaßnahmen, Erziehungsmaßnahmen sowie Abschreckung sind keine erfolgversprechenden Strategien.

07. Das Gesetz der Transparenz

Für alle öffentlichen Institutionen aus Wirtschaft, Kultur, Politik und anderen gesellschaftlichen Bereichen gilt ein neues Gesetz der Transparenz. In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass Intransparenz ein Zustand ist, der nicht aufrechtzuerhalten ist. Auch hier ist nicht entscheidend, wie wir das bewerten, wir haben es zu akzeptieren. Da es keine andere Wahl gibt, sollten sich Institutionen dieser Anforderung so stellen, dass sie davon profitieren: Durch Angebote zur Partizipation können Institutionen so früh wie möglich Feedback und Anregungen erhalten. Sie beziehen damit Bürger und Kunden nicht nur in Prozesse ein und vermeiden so frühzeitig potenzielle Fehlentwicklungen. Unternehmen können auf diesem Weg das Gegenüber von Angebot und Nachfrage in neue Märkte der Kollaboration transformieren. Gleichzeitig mit dem Gebot der Transparenz für Unternehmen steigt unter Nutzern das Bedürfnis, persönliche Daten zu schützen. Damit ist nicht unbedingt gemeint, dass diese Daten nicht mehr preisgegeben werden. Im Gegenteil, dadurch, dass immer mehr persönliche Daten verbreitet werden, entsteht der Anspruch, über diese Daten autonom entscheiden zu können, z.B. mit einem Datenbrief. 

08. Spielregeln statt Bevormundung

Wie soll der Gesetzgeber aktiv werden? Eine große Mehrheit der durchschnittlichen Internetnutzer wünscht sich mehr Gesetze im Internet. Dieses Bedürfnis folgt einer Angst, Opfer von Betrug oder Missbrauch eigener Daten zu werden. Die Webaktiven dagegen setzen weniger auf Gesetze als vielmehr auf die Vorgabe eines Rahmens. Während die Webaktiven sich prinzipiell im Hinblick auf Eingriffe durch den Statt durch liberale Positionen auszeichnen, fordern sie vom Staat allerdings explizit, dass Netzneutralität geschaffen wird. Man kann die vermeintlich widersprüchlichen Positionen so auf den Punkt bringen: Der Staat soll nicht im Detail vorschreiben und regulieren, sondern die Spielregeln vorgeben, nach denen Gleichheit im Netz sichergestellt wird.

09. Liquid Democracy ist der erste Schritt

Die Parteien müssen sich aktiv mit dem Prinzip der „Liquid Democracy“ auseinandersetzen. Sowohl von den Webaktiven als auch von den Internetnutzern bekommen die etablierten politischen Parteien in Sachen Internetkompetenz sehr schlechte Noten. Die Piratenpartei erhält hier sehr positive Bewertungen. Am Ausgang der Bundestagswahl lässt sich erkennen, dass diese Internetkompetenz nicht wahlentscheidend war. Das kann allerdings bei den nächsten Wahlen schon wieder anders sein. Deshalb lohnt eine Analyse der Aussagen zur Piratenpartei. Hier zeigt sich, dass die Piratenpartei wegen ihrer neuen Form transparenter Demokratiegestaltung und ihrer „Liquid Democracy“ positiv bewertet wird. Das Fehlen eines klassischen Parteiprogramms hat kein großes Gewicht. Die Piraten sind also nicht an einem mangelhaften Parteiprogramm gescheitert. Sie sind daran gescheitert, dass sie ihren Markenkern der transparenten Demokratiegestaltung nicht konsequent umgesetzt haben. Für alle anderen Parteien heißt dies, dass sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit „Liquid Democracy“ lohnt. Ob dadurch die bisherige Verfassung ersetzt werden sollte, ist nicht die Frage. Die Frage ist, bei welchen Entscheidungsprozessen sich „Liquid Democracy“ sinnvoll einsetzen lässt. Diese Frage stellt sich für Organisationen in allen gesellschaftlichen Bereichen.

10. Das Ende der alten Werte

Das Internet löst unser Jahrhunderte altes Wertesystem auf. Durch das Internet nimmt die Bedeutung der Flexibilität zu. Im Vergleich dazu nimmt die Bedeutung fast aller anderen gesellschaftlichen Werte ab. Die Webaktiven sehen lediglich bei den Werten Solidarität, Toleranz und Gerechtigkeit noch einen leichten Anstieg der Bedeutung. Dies zeigt nicht, dass Werte keine Relevanz mehr haben. Hier kommt zum Ausdruck, dass es keine allgemein verbindlichen Werte für alle Situationen mehr gibt. Ereignisse werden von Fall zu Fall und nach dem jeweiligen Kontext jeweils unterschiedlich bewertet.